CO₂-Wertschöpfungsketten für E-Kerosin: Status quo und Herausforderungen

Von der CO₂-Quelle bis zum E-Kerosin: Wie Infrastruktur, Regulierung und Marktmechanismen zusammen wirken müssen, damit aus Emissionen ein strategischer Rohstoff wird

© Jana Kay

Wie wird CO₂ von der Emission zur strategischen Ressource? Und welche regulatorischen, technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen braucht es dabei, um eine tragfähige CO2-Wertschöpfungskette aufzubauen?

Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Veranstaltung „CO2-Wertschöpfungsketten für E-Kerosin: Status quo und Herausforderungen“ am 24. Februar 2026 in Frankfurt am Main. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette gaben Expertinnen und Experten Einblicke in aktuelle Projekte und Herausforderungen.

Deutlich wurde: Kohlenstoff ist unverzichtbar für industrielle Prozesse. Um die Klimaziele zu erreichen, ist ein bewusster und strategischer Umgang mit dieser Ressource entscheidend.

Zum Download: Vortragspräsentation

Biogenes CO2: Technisches Potenzial trifft auf wachsenden Bedarf

Im FNR-Forschungsprojekt Bio-CO₂ wurde deutlich: CO₂ aus Biogasaufbereitungsanlagen stellt ein Potenzial dar, ist jedoch in der stofflichen Nutzung komplex. Spurengase wie Schwefelverbindungen erhöhen die Anforderungen an Reinigung und Aufbereitung. Das bundesweit verfügbare Potenzial liegt laut Dipl.-Ing. Michael Beil (Fraunhofer IEE) derzeit bei rund 1,7 Mio. Tonnen CO₂ pro Jahr. Dem gegenüber steht ein perspektivischer Marktbedarf von etwa 4,5 Mio. Tonnen jährlich. Um diese Lücke zu schließen, braucht es tragfähige Geschäftsmodelle und funktionierende Biomethanmärkte.

CCUS in der Zementindustrie unverzichtbar: Oxyfuel als Schlüsseltechnologie

Dr. Bernhard Drescher (Dyckerhoff) beschreibt, dass selbst bei Einsatz aller anderen Dekarboniserungshebel unvermeidbare CO2-Emissionen verbleiben. Im Pilotprojekt „catch4climate“ wird daher das sogenannte Oxyfuel-Verfahren erprobt: Die Verbrennung mit reinem Sauerstoff erhöht die CO₂-Konzentration im Rohgas, was die CO2-Abscheidung erleichtert. Die Technologie weist großes Potential für den Einsatz in der Zementindustrie auf, erfordert aber gleichzeitig erhebliche Anpassungen im Produktionsprozess.

CO₂-Abscheidung technisch machbar - die regulatorische Verwertung bleibt aber ungeklärt

Im Industriepark Höchst wurde in einem Pilotprojekt mittels Aminwäsche CO₂ nach der Klärschlammverbrennung abgeschieden. Julia Börner (Infraserv Höchst) zeigt, dass eine Herausforderung in fehlenden Regelungen liegt: Für CCU-Anwendungen fehlen klare Anrechnungs- und Nutzungsperspektiven.

Szenarien für eine multimodale CO2-Transportinfrastruktur in Deutschland

Ein CO₂-Markt braucht funktionierende Transportstrukturen. Luna Lütz (Fraunhofer ISI) stellte Möglichkeiten von Pipeline-Netzen und multimodalen Lösungen gegenüber. Während Pipelines hohe Anfangsinvestitionen erfordern, sind sie langfristig kosteneffizient - vorausgesetzt, ausreichend Akteure beteiligen sich. Fahrzeugtransporte ermöglichen einen schnelleren Einstieg bei geringeren Investitionen, sind jedoch langfristig weniger skalierbar.

CO₂-Infrastruktur braucht Finanzierungssicherheit, De-Risking und politisches Commitment

Stefanie Jacobi (Open Grid Europe) betonte: Der Aufbau eines europäischen CO₂-Transportnetzes erfordert Risikoabsicherung und Förderinstrumente, etwa den Innovationsfonds. Ohne klare politische Signale, langfristige Investitionssicherheit und Finanzierungskonzepte wird kein flächendeckendes Transportnetz entstehen.

Für E-Kerosin zählt Qualität: CO2 als strategischer Vermögenswert

Alexander Irslinger (INERATEC) zeigte am Projekt ERA ONE, dass synthetische Kraftstoffe (E-Fuels) hohe Anforderungen an die CO₂-Reinheit stellen. Gleichzeitig appelliert er an einen Perspektivenwechsel: CO2 sollte primär nicht nur als Kostenfaktor betrachtet werden, sondern als strategischer Rohstoff, der aufbereitet ein wichtiger Teil einer kohlenstoffbasierten Kreislaufwirtschaft sein kann.

Regulatorische Lücken bremsen derzeit den Hochlauf

Stephan Klingl (FutureCamp) verwies auf bestehende regulatorische Lücken im Bereich CCU: Anwendungen mit temporäre Kohlenstoffspeicherung sind bislang noch unzureichend geregelt. Unklar ist zudem die mögliche Verzahnung von EU-ETS 1 und 2 sowie die Einbindung von Negativemissionen. Die Carbon Removal and Carbon Farming Regulation (CRCF) könnte hier künftig Orientierung schaffen.

Zielbild 2050 braucht konkrete Zwischenschritte, tragfähige Geschäftsmodelle und Leitmärkte

Im Panel wurde deutlich: Das Zielbild Klimaneutralität bis 2050 ist gesetzt, aber es fehlt an klaren Zwischenschritten. Auf dem Panel diskutierten Maike Schmidt (ZSW), Markus Semmler (Fritz Winter Eisengießerei) und Niels Hanaus (Indaver Group), dass Carbon Management wirtschaftlich tragfähig sein muss. Entscheidend sind Risikoabsicherung, Investitionssicherheiten und die Schaffung „Grüne Leitmärkte“.

Für Hessen wurde die Bedeutung einer koordinierten, übergeordneten Instanz hervorgehoben, um regionale Stärken zu bündeln und das klassische „Henne-Ei-Problem“ beim Infrastrukturaufbau zu lösen.

Aufbau von CO2-Wertschöpfungskette gelingt nur, wenn Technik, Markt und Regulierung zusammenspielen

Der Tenor des Tages: CO2 Nutzung ist keine ferne Zukunftsvision, aber noch mit erheblichen Herausforderungen verbunden. Damit CO₂ zu einer strategischen Ressource wird, braucht es das Zusammenspiel von Infrastruktur, Marktmechanismen und verlässlichen Rahmenbedingungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Die Veranstaltung wurde vom Projekt Carbon4PtL in Kooperation mit dem Projekt InnoFuels organisiert. Carbon4PtL wird mit rund 0,63 Millionen Euro vom Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum (HMWVW) gefördert. Das Projekt InnoFuels wird vom Bundesministerium für Verkehr mit rund 5,2 Millionen Euro gefördert und mit rund 145.000 Euro vom HMWVW kofinanziert.

Agenda

Uhrzeit Programmpunkt
10:00 h
Einlass & Registrierung
10:30 h
Begrüßung und Grußwort

Regine Barth (Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum)

10:40 h
Begrüßung und Einleitung

Dr. Janine Heck (HTAI / CENA Hessen)

10:50 h
Vortrag: CO₂ aus Biogasanlagen: Potentiale, Technologien und Kostenaspekte

Dipl.-Ing. Michael Beil (Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik IEE FuE-Bereich Energieverfahrenstechnik)

11:15 h
Vortrag: Oxyfuel Systems in Cement Plants: Pilotprojekt „catch4climate“

Dr. Bernhard Drescher (Dyckerhoff GmbH)

11:40 h
Vortrag: Carbon Capture nach der Klärschlammverbrennung – Ein Pilotprojekt unter erschwerten Bedingungen

Julia Börner (Infraserv GmbH & Co. Höchst KG)

12:05 h
Mittagspause
13:05 h
Vortrag: CO₂-Transporttopologien für Deutschland – Vergleich von multimodalen Transportoptionen

Luna Lütz (Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung ISI)

13:30 h
Vortrag: CO₂‑Netzentwicklung in Deutschland: Stand, Hürden, Perspektiven

Stefanie Jacobi (Open Grid Europe GmbH)

13:55 h
Kaffeepause
14:10 h
Vortrag: Vom biogenen CO₂ zur skalierbaren PtL-Synthese: Erfahrungen aus ERA ONE

Alexander Irslinger (INERATEC GmbH)

14:35 h
Vortrag: Anreizsetzung für CCU-Anwendungen über den EU-Emissionshandel und die Carbon Removals and Carbon Farming (CRCF) Regulation – Status Quo und Ausblick

Stephan Klingl (FutureCamp Climate GmbH)

15:10 h
Panel

Niels Hanau (Indaver Group), Markus Semmler (Fritz Winter Eisengießerei GmbH & Co. KG), Maike Schmidt (ZSW)

15:55 h
Wrap Up
16:00 h
Ende

Ort

House of Logistics and Mobility (HOLM)
Bessie-Coleman-Straße 7
60549 Frankfurt am Main

Kontakt

Melanie Grohs

Melanie Grohs

Projekt- und Kommunikationsmanagerin

Abteilung

Kompetenzzentrum Klima- und Lärmschutz im Luftverkehr

+49 151 52510690

Dr. Janine Heck

Dr. Janine Heck

Projektmanagerin CO2-Strategie

Abteilung

Kompetenzzentrum Klima- und Lärmschutz im Luftverkehr

+49 170 9388662